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Attitüde
Attitüde
Attitüde
Scheinsein versus innerer und äußerer Wahrhaftigkeit
Sergej NolovAus dem Russischen übertragen von G. Undalf
Mehr Schein als Sein. Eine alte Beobachtung am Verhalten von Menschen. Geltungsbedürfnis, sich zuordnen, dazugehören wollen, sich identifizieren, sich eine Identität zulegen. Aber wie tief geht diese Identität. Ist auf dem Maskenball der Attitüden überhaupt noch Verlaß auf irgend etwas, werden Fassaden, Allüren nicht in diesen Zeiten ebenso schnell gewechselt wie Hemden, Moden? Wie haltbar ist eine Lebenseinstellung? Muß, kann, darf etwas überhaupt noch ein Leben lang haltbar sein. Liegen die staatlich festgelegten Haltbarkeitszeiten an den Lebensmarken Schulabschluß, Beruf, Familie, Eigenheim?Es gibt keine Garantien mehr und dennoch bin ich unsicher ob mensch das beklagen oder begrüßen sollte. Zweifelhafte konservative, im Rückblick verrückte Grundeinstellungen wie z.B. "Ehre" oder "Vaterlandsliebe" oder "Parteitreue" konnten in der Vergangenheit im tödlichen Duell, auf dem "Felde der Ehre" (ein weites Feld mit unüberschaubar vielen Kreuzen und sonstigen Grabmalen ...) oder im loyal entgegengenommenen Genickschuß enden.
Dennoch ? die Beliebigkeit gibt Anlaß zum Nachdenken. Der heutige Mensch, der Mensch des ersten Jahrhunderts des Dritten Jahrtausends Christlicher Zeitrechnung, hat flexibel zu sein. Heimaten werden relativ, äußere sowie innere. Was einmal als richtig (an)erkannt wurde, kann morgen schon keinen Bestand mehr haben. Mensch hält sich zugute, mit einem kritischen Bewußtsein zu operieren, das in Frage stellen kann und auch gegebenenfalls die Meinung wechseln. "Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann." (Francis Picabia). Aber ist der Kopf auch rund, damit das Denken wie in einem Mixer verschwinden kann, in dessen Hack? und Schleuderwerk nur noch eine ... je nach Zutaten ... schmackhafte oder abscheuliche Masse erzeugt wird, die wir uns als wohlfeile Paste auf die Stirn schmieren? Input?Output? Put?put?put? Ganz kaputt?
Wie zerhäkselt, kaputt sind wir? Können wir noch die wirklich relevanten Daten, Fakten und Schlüsse auseinander halten oder sind wir inzwischen nurmehr Abfallpicker auf der Datenmüllhalde der Informationen, die sich überproportional zum Denken himmelan türmen, ein virtueller Turmbau zu Babel? Müssen wir nicht ein ganz anderes Denken lernen, einen ganz neuen "Approach", eine ganz neue Annäherung an die neuen Wirklichkeiten die im Hyperraumsprung der Erkenntis(se) vorbeizischen? Haben wir doch ganz offenbar als Gattung noch längst nicht die Informationen verdaut, die die Vergangenheit bietet und bereithält. Wie sollten wir auf derLawine surfen können, die augenblicklich und in jedem Augenblick über uns hereinbricht, die die Zukunft auf uns zuschiebt, ohne in ihr unterzugehen?
Müssen wir nicht vielmehr auf der Basis (halbwegs) gesicherten Wissens versuchen, die Dinge und Undinge eher intuitiv zu erfassen und ein Vertrauen in unseren kollektiven Organismus entwickeln, das nur auf totaler ungehinderter, völlig freier Kommunikation fußen und sich vernetzen kann?Der Mensch von heute ist zutiefst desorientiert. Verbrechen, Korruptionen ungeheuren Ausmaßes, die in kaum vergangenen Zeiten directamente zu Aufstand, zu Revolutionen geführt hätten, werden in diesen Tagen mit einem Schulterzucken hin? oder gar nicht mehr zur Kenntnis genommen. Warum?
Vielleicht sind es zu viele, zu ungeheuerliche, um noch für eine tatsächlich betroffene Aufgeregtheit zu sorgen: Alle tuns. Vielleicht würd ichs auch tun. So what?Eine bis auf die Knochen und ins Mark korrupte Regierung kann beispielsweise eine ganze Kapitale wie Berlin in den dreißigjährigen Ruin führen und niemand schreit: "An die Laterne!" Da laufen zwar ein paar Fahnenschwenkende mit roten, zuweilen schwarzen, wahlweise auch schwarz?rot gestreiften oder diagonalen Lappen durch die Gegend und werfen in völliger Harm? und Ahnungslosigkeit ein paar läppische Scheiben ein, aber niemand denkt ernsthaft an einen anständigen Aufstand. Schon daher, weil diesen "RevolutionärInnen" nicht zu trauen ist, weil sie sich selbst nichts zutrauen und weil selbst sie nicht zu glauben vermöchten, daß bei einem Nachher alles besser sei oder zumindest werden könne. Die Glaubwürdigkeit von RevolutionärInnen ist ebenso aufgebraucht wie die der verschiedenen Politikmodelle.
Was bleibt ist die Attitüde. Der Anschein einer begrenzten und sich selbst beschränkenden und beschränkten Aufständigkeit. Sieht man genauer hin ist es mehr Aufmüpfigkeit, nicht der Anfang einer tatsächlichen Rebellion, sondern eine lasche Geste, als wollte mensch die Fliege auf der Stirn verscheuchen, wo doch der Wolf an der Kehle sitzt.Kürzlich fragte mich ein junger Genosse: "Was habt ihr eigentlich falsch gemacht, damals?" Ich mußte eine Weile nachdenken. Ja, was haben wir eigentlich falsch gemacht?
Nicht daß ich noch nie darüber nachgedacht hätte wo Fehler lagen. Wir haben einiges falsch gemacht. Aber mir scheint, wir Libertären haben nichts Grundsätzliches falsch gemacht. Die Ansätze sind richtig gewesen und sie sind es immer noch. Wir konnten kaum Strukturen aufbauen. Warum?
Eine alte Freundin mag dieses "wir" schon lange nicht mehr hören. Auch mir macht es zunehmend Bauchschmerzen. Die Entsolidarisierung allenthalben ist zu offensichtlich und der Egotrip seit Jahrzehnten der vorherrschende Trend in der Linken. Der sogenannten Linken.
Aber die "internationale Solidarität", je weiter entfernt, desto besser, funktionierte um so besser. Gepaart mit etwas revolutionärem Reisetourismus hatte das was. Zu Hause war mensch dann wieder Schmitz, Meier und Huber. Konnte in revolutionärem Habitus schwelgen. Sich sagen: Ich habe ja wirklich was getan ? und das stimmte sogar oft. Mensch hat das alles wahrscheinlich sogar ehrlich empfunden. Aber irgendwann kam dann offenbar der Punkt "Was?bringt?denn?das?", Beruf?Heirat?Häuslebauen. Politik? "Die Enkel fechtens besser aus.": Was gibt’s denn heute im Fernsehn?Warum konnte über all die Jahre sozialrevolutionärer Betätigung von Hunderttausenden so wenig tatsächliches Sozialmilieu entstehen? Warum waren unsere Gruppen und Projekte so lange die "Durchlauferhitzer" einer konjunkturüberhitzten Gesellschaft ohne allzuviel reale, radikale, dauerhafte Struktur zu hinterlassen? Wie konnte es geschehen, daß die Identitäten im Sammelcontainer gewesener Veränderungswut landeten wie alte Klamotten an denen mensch die Lust verloren hat, die aufgetragen sind?
Vielleicht ist ja Radikalität nur ein Artikel mit begrenzter Haltbarkeit. Hat mensch sich erst einmal "die Hörner abgestoßen" reicht es bestenfalls noch zu ein wenig Realpolitik, Mitgliedschaft in Bürgerinitiativen, Vereinen, Parteien. Ein wenig Herumgebastel am Alltag, an den kleinen Problemen bei denen bei genügender Hartnäckigkeit sogar kleine Reformen und Reförmchen herausgeholt werden können. Anhaltender Widerstand kann sogar einen solchen Lästigkeitsfaktor haben, daß sich die Politik? und Kapitalmaschine lieber lukrativeren Handlungsfeldern zuwendet, zum Beispiel der Ökoindustrie. Das ist nicht durchweg schlecht.
Aber während hier und da kleine Erfolge errungen werden, galoppieren hinter und neben uns die apokalyptischen Reiter. "Wir stehen am Abgrund. Morgen sind wir einen Schritt weiter." Wie alt ist dieser Spruch. Fünfundzwanzig Jahre oder mehr? Ist schon "morgen"?
Aber die Machtfrage zur Änderung des Ganzen wird schon lange nicht mehr laut und öffentlich gestellt. "Wir nagen" immer noch "am System.". Vielleicht ist das auch gar nicht so verkehrt, aber die Destruktion außerhalb unserer vorläufig noch halbwegs gesicherten Existenzen verläuft in einer beängstigenden Rasanz. Wäre angesichts dessen nicht deutlich mehr Entschlossenheit angesagt?Da gibt es eine neue Bewegung, die sich den wilden Namen "Attak" zugelegt hat. Halb so wild! Sie fordert für die von unseren Industrienationen Ausgeplünderten ein Sümmchen ein, das unter dem einmal international festgelegten Standard von zwei Prozent des Bruttosozialprodukts als Entwicklungshilfe liegt. Sicher handelt es sich hier auch noch um eine ungeheure Summe, woran allerdings zu ermessen ist, wie ungeheuerlich und maßlos die Profite sind, die dennoch gemacht würden und werden. Hier scheue ich mich fast das demgegenüber übertrieben wirkende Wort "Almosen" zu benutzen.
Auch hier Attitüde. Ein Name spiegelt vor, daß etwas ernsthaft angegriffen wird, dabei wird es nicht einmal angekratzt. Sozialdemokratische Lebemänner mit lebenslanger Leibrente wie Lafontaine können sich dem problemlos anschließen und dürfen sich dafür noch im Nimbus sonnen, "radikale Forderungen" zu stellen.Ist es nicht an der Zeit, endlich wieder einmal Wahrhaftigkeit einzufordern, etwas das sehr aus der Mode gekommen zu sein scheint? Einzufordern, daß Verhalten, Sein und Tat eine inhärente Einheit bilden?
Wir sollten Eintritt für unsere politischen Vereinigungen verlangen. Zumindest sollte es etwas kosten, sich ein Image zulegen zu wollen. Zeit und Geld.
Wir haben es als einen Fortschritt betrachtet, jeden und jede nach seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen zu behandeln, auf Vereinsmeierei und feste Beiträge zu verzichten und ich möchte dies auch nicht in Frage stellen. Nur muß es erlaubt sein zu fragen, ob die erwähnten Fähigkeiten und Möglichkeiten auch tatsächlich ansatzweise eingebracht und ausgeschöpft werden, oder ob nur die Bedürfnisse nach labelartiger Zuordnung zum Nulltarif das Handeln bestimmen.
Geld für etwas zu nehmen ist eine banale Angelegenheit und macht einEn dem Anschein nach auf eine Art gemein mit dem, was mensch zu bekämpfen glaubt: den Profit. Aber es geht ja gar nicht um den Profit, sondern um die Handlungsfähigkeit der politischen Gruppe innerhalb eines Profitsystems. Diese Handlungsfähigkeit ist über weite Strecken nur mit Geld zu erkaufen (Flugblätter, Zeitschriften, Plakate, Mieten, Netztraffic und alles andere müssen bezahlt werden!). Auch eine banale Erkenntnis. Geld zu geben ist die einfachste Handlung der Solidarität. Wer keines hat, sollte das unaufgefordert glaubhaft darlegen. Wer behauptet, keines zu haben, aber für alle ersichtlich beim (notwendigen) Treffen in der Kneipe drei Bier trinken und eine Packung Zigaretten rauchen kann oder sich dreimal am Tag von einem Piece einen dicken Joint dreht, den sollte mensch vor die Türe setzen bzw. ihm/ihr ernsthaft ins Gewissen reden.
Wer auch dann keine Zeit hat wenns drauf ankommt, sollte sich gleich mit Bücherlesen begnügen. Kluge Reden alleine haben noch nie die Welt verändert. Wer lieber auf Konzerte, Partys geht oder in Urlaub fährt, wenn wichtige kollektiv geplante Aktionen und Kampagnen anliegen ist keinE RevolutionärIn, sondern etwas wie dieser ehemalige Ministerpräsident und Wirtschaftsminister: ein Lebemensch.Nein, die völlige Askese will ich hier nicht predigen. Asketen lieben nicht das Leben. Aber das Leben will und muß geliebt sein, will mensch die Welt in eine lebens? und liebenswerte Welt verändern. Jedoch für sozialrevolutionäre Menschen kann das Leben nicht nur in weiten Teilen aus High?Life bestehen. Sie stellen sich Aufgaben und tun alles in ihren Kräften stehende, diese gemeinsam erarbeiteten Aufgabenstellungen umzusetzen. Kann das freudig und mit Spaß an der Sache geschehen, dann um so besser. Es gibt jedoch auch Zeiten und Dinge in diesen Zeiten, da ist kein Fun?Faktor herauskitzelbar, da muß auch verzichtet und hart gearbeitet werden können, um den erwarteten Erfolg zu erzielen. Danach kann ? so es die Umstände erlauben ? gefeiert werden (und vielleicht in einer möglichen Atempause dazwischen).
Was wir erleben ist jedoch diese Scheinkollektivität, die emphatisch in der umfangreichen Gruppe anfängt und Projekte plant, Projekte immer größeren Umfangs mit immer mehr kreativen Ideen, die, wenn es an die Ausführung, die Umsetzung, die Arbeit geht, an wenigen hängenbleiben, die sich völlig aufrödeln. JedeR der/die politisch aktiv war weiß das. Das ist schon im Karnickelzüchterverein so ... zum Feiern sind alle da, die Vorbereitung machen wenige.
Natürlich ist das nicht immer so ? aber verdammt oft. Zu oft. Viel zu oft! Das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Quantität läßt die AktivistInnen diese Verhältnisse immer wieder ertragen. Aber irgendwann ? je nach vernünftigem oder unvernünftigem Kräfteeinsatz, je nach persönlichen Kapazitäten psychischer und physischer Art ? sind "die Batterien aufgebraucht" und mensch ist ausgepowert, ausgelutscht von den "suckers" die profitieren, aber sich selbst nicht investieren wollen. Der soziologische Fachbegriff für das Phänomen bei den Verbrauchten lautet "Burn?Out". Ausgebrannt.
Wie aber diesen Burn?Out der Aktiven verhindern? Sie müssen sich schützen. Sie müssen sich vor jenen schützen, deren Attitüde das vorwiegende Interesse ist; auch wenn diese Menschen das selbst ?natürlich? nicht wissen. Dieser Schutz kann im Preis für die "erbrachte Leistung" bestehen: Geld und Zeit. Die meisten werden diesen Preis scheuen und sich einem anderen billigen Image zuwenden. Das tun sie ohnehin irgendwann.Hiermit haben wir aber noch nicht das zentrale Problem der Attitüde erfaßt, denn es kann ja durchaus sein, daß Menschen bereit sind Geld und Zeit zu "investieren" um ihrer Attitüde frönen zu können, die aus verschiedenen Gründen für sie wichtig sein kann (FreundInnen in der Gruppe, Ansehen im Umfeld etc.). Aber zumindest ist hier schon einmal das "Verhungern" von Gruppen und Strukturen erschwert, die mühsam aufgebaut wurden.
Um Attitüde in wirkliche und wahrhafte Lebenshaltung zu wandeln, bzw. dieses Scheinverhalten erst gar nicht entstehen zu lassen, ist ein sozialer Kontext nötig, der möglichst große Bereiche des Lebens umfaßt, so auch die oben genannten "Knackpunkte" Beruf, Familie, Häuslebauen. Das sind ja keine absonderlichen Verhaltensweisen, sondern lebensnatürliche Gegebenheiten und Notwendigkeiten. Wenn also Menschen ihr Umfeld wechseln (müssen) erfolgt logischerweise ein mehr oder weniger sanfter Anpassungsdruck an neue Gegebenheiten, die womöglich in diametralem Gegensatz zu vorherigen Lebensgewohnheiten stehen. Mensch nennt das schonmal "die Macht des Faktischen", ohne groß weiter die sozialen Hintergründe zu hinterfragen. Findet eine Jugendprotestkultur keine organische Fortsetzung im "normalen" Leben, so bleibt sie eine Phase, die zwar einen gewissen Erfahrungshorizont mit sich bringt, aber keine dauerhafte Kontextänderung. Sie wird zum Input in die gewachsene und weiter wachsende Gesellschaft und reformiert dadurch, paßt die alte Gesellschaft an neue Einstellungen und Notwendigkeiten an und macht sie dadurch überlebensfähig. Durch den Reforminput der gewesenen RevoluzzerInnen muß die vormals als starr empfundene alte Gesellschaft nicht mehr mittels Revolution verworfen werden. Sie wird erträglicher. Die revolutionäre Ungeduld weicht einer resignativen Duldung, die von oben mit gelegentlichen Reform?Beruhigungspillen aufrechterhalten wird. Die Revolution in Permanenz wird gebrochen bzw. bricht gar nicht erst aus.Ein revolutionärer Reformdruck kann aber nur aufrechterhalten und verstärkt werden, wenn es permanentrevolutionäre Strukturen gibt, die immer wieder neuen Druck aufbauen und organisieren können. Sie transportieren die Erfahrung über die Generationen. Die Qualität und die Quantität von Aktion kann gesteigert werden.
Gewiß geht es nicht um Organisationsborniertheit. Es geht einfach um Zusammenhalt und Anknüpfungspunkte für diesen Zusammenhalt. Es geht um die Ermöglichung von im Idealfall lebenslang tragenden Netzwerken. In Spanien beispielsweise gibt es eine Vielzahl von sogenannten "Athenos Libertarios". Du kannst einfach hingehen und dort AnarchistInnen treffen, Bücher und Zeitschriften finden, dich über das Sozialleben wie Kulturveranstaltungen etc. informieren. Wo gibt es das in Deutschland?
Gut, wir haben in einer Reihe von Städten mehr oder weniger gut geführte, lebendige und mehr oder weniger lebendige und überlebensfähige Infoläden und einige autonome Zentren oder Juzis, aber wo sind echte eindeutige und leicht ausmachbare Anlaufpunkte für libertär denkende Menschen? Kaum eine Handvoll, wenig bekannt und verstreut über die Republik, im Land mit der größten Bevölkerungszahl in Mitteleuropa.Ohne diesen angesprochenen sozialen Zusammenhang erhält die libertäre Attitüde einen Spielraum der an Beliebigkeit grenzt. Natürlich ist es schön, Menschen zu treffen, die von sich behaupten Libertäre zu sein. Aber wie sieht es aus, wenn mensch beginnt, die Fassade abzuklopfen? Oft bleibt wenig mehr als Image und "Lifestyle". Mensch fühlt sich zu nichts (moralisch) verpflichtet und verpflichtet sich zu nichts. Ist einem/einer danach, geht mensch mal schnell in den Supermarkt der Attitüden und greift sich ein neues Billigangebot aus den überquellenden Regalen. Der Maskenball in der Gesellschaft des Spektakels, des Scheins geht weiter.
Selbst bei den anscheinend Aktiven sind Zweifel erlaubt: ist ihre Aktivität wirklich ein ernstzunehmendes Risiko für die Profiteure und Profiteurinnen? Oder finden wir nicht oft einen "revolutionären" Kindergarten vor, in dem eine Zeit lang in einer Art Sandkasten Revoluzzerspielchen stattfinden, die keineswegs den Charakter des Systems in Frage stellen, sondern gar ein notwendiger, weil abschreckender Baustein für seine Existenzbedingungen sind?Das Scheinsein sozialrevolutionärer Existenz muß durch die an sie gestellte Forderung nach praktischem Verhalten entlarvt werden. Es ist bequem an niemanden Forderungen zu stellen und es ist bequem dem System bequem zu sein. Werden wir ernsthaft, wird es ungemütlich. Die Herren sitzen nicht gern auf Reißzwecken. Und noch weniger mögen sie, wenn jemand mit scharfem Blatt an ihrem Stuhl sägt oder im Begriff ist, ihnen den Sessel unterm Hintern wegzuziehen. Der ernsthafte Widerstand gegen die Auspowerung der Welt wird auf ernsthaften Widerstand treffen. Wer hoch oben ist, will nicht tief fallen. Er will oben bleiben.
Aber auch nicht allen die Widerstand gegen sich hervorrufen, kann das "Gütesiegel waschechteR RevolutionärIn" verpaßt werden. Es gibt genügend Psychen, die einem politischen Masochismus verfallen sind und sich nur in der Opferrolle wohlfühlen. Wer wirklich revolutionär handeln will, tut alles, nicht zum Opfer zu werden: Leute die im Knast sitzen –beispielsweise? binden in der Regel Energieen und fördern sie selten. Wird jemand ein Opfer von Repression ist nicht automatisch davon auszugehen, daß es sich hier um jemanden handeln muß, deren/dessen Verhalten über jeden Zweifel erhaben ist, die politische Zielsetzung jetzt mal außen vor gelassen.
Wer den real existierenden schrecklichen und wieder immer öfter buchstäblich blutrünstigen Ausbeutungsverhältnissen in der Welt tatsächlich Paroli bieten und sie überwinden will, wird das nicht mit Attitüde tun können. Er oder sie will es ja gar nicht. Denn wer will, verhält sich danach. Wer sich danach verhält, ändert die Verhältnisse in sinnvoller und nachhaltiger Art und Weise nach seinen/ihren Möglichkeiten oder wird zumindest zum Problem für diese Verhältnisse. Jene Verhältnisse nämlich, die denen nur allzu bequem und komfortabel sind, die sich in solcher „linken“ Attitüde begnügen, mit der sie ihr schlechtes Gewissen als sekundäre NutznießerInnen des Profitsystems beruhigen und kaschieren. Legt mensch die Meßlatte ihres restlichen (privaten) Verhaltens an die pseudorevolutionäre Aktivität dieser Leute ? soweit vorhanden ? wird mensch unvermeidlich der Attitüde ansichtig, während ihre ProtagonistInnen sich immer noch für den Inbegriff von RevolutionärInnen halten.
Nichts ist verlogener als die Lüge gegen sich selbst.